Der Seelenbaum / Weihnachtsgedicht.de     
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Der Seelenbaum


Welt draußen, einsam im öden Raum
steht ein uralter Weidenbaum
noch aus den Heidenzeiten wohl,
verknorrt und verrunzelt, gespalten und hohl.
Keiner schneidet ihn, keiner wagt
vorüberzugehn, wenn’s nicht mehr tagt,
kein Vogel singt ihm im dürren Geäst,
raschelnd nur spukt drin der Ost und West;
doch wenn am Abend die Schatten düstern,
hörst du’s wie Sumsen darin und Flüstern.

Und nahst du der Weide um Mitternacht,
du siehst sie von grauen Kindlein bewacht.
Auf allen Ästen hocken sie dicht,
lispeln und wispeln, und rühren sich nicht.
Das sind die Seelchen, die weit und breit
sterben gemußt, eh’ die Tauf’ sie geweiht:
im Särglein liegt die kleine Leich’,
nicht darf das Seelchen ins Himmelreich.

Und immer neue - siehst es du? -
in leisem Fluge huschen dazu.
Da sitzen sie nun das ganze Jahr
wie eine verschlafene Käuzchenschar.
Doch Weihnachts, wenn der Schnee rings liegt
und über die Länder das Christkindlein fliegt,
dann regt sich’s, pludert sich’s, plaudert, lacht,
ei, sind unsre Käuzchen das aufgewacht!
Sie lugen aus, wer sieht was, wer?
Ja freilich kommt das Christkind her!
Mit seinem helllichten Himmelsschein
fliegt’s mitten zwischen sie hinein:
"Ihr kleines Volk, nun bin ich da -
glaubt ihr an mich?" Sie rufen: "Ja!"
Da nickt’s mit seinem lieben Gesicht
und herzt die Armen und ziert sich nicht.
Dann klatscht’s in die Hände, schlingt den Arm
ums nächste - aufwärts schwirrt der Schwarm
ihm nach und hoch ob Wald und Wies’
ganz geraden Wegs ins Paradies.

Ferdinand Avenarius 1856 - 1923


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