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Christnacht
Mit Schnee und Reif, so ist sie nun gekommen,
Die heilge Nacht.
Am Himmel sind die Lichter schon erklommen,
Der Sterne Pracht.
Still ragt der Tannenwald auf zu des Vaters Thron;
Die Glocken läuten fern: "Geboren ward der Sohn!"
"O Vater, hast du mich, dein Kind vergessen?"
So dacht ich oft;
Hab in den Tag und Nächte Qual vermessen
Auf dich gehofft;
Hab dir gegrollt: ist das ein Vater, der vergisst?
Hab dir gefleht: Oh, schenk mir einen heilgen Christ!
Nun bin ich wie der Tannenwald so stille,
So feierlich.
O Vater, denk ich, dein Erlöserwille
Umhaucht auch mich;
Und was du dieser Welt, der Menschheit zugedacht,
Das ist auch mein Geschenk und meine Weihenacht!
Ich bin ein dürftig Kind aus niedrem Volke,
Glück lacht uns nicht;
Wir sehn so oft, o Herr, nur deine Wolke
Und nicht dein Licht.
Wir trachten oft so heiß: hinauf in freie Luft!
Wir horchen oft so bang, ob der Erlöser ruft.
O schicktest du uns einen, den du weihest,
Durch heilgen Schmerz,
Den du ins Heer der Auserwählten reihtest,
Ein reines Herz,
Von Mitleid glühend, stark, und bis zum Tode wahr,
Nach deines Sohnes Bild, den diese Nacht gebar!
Und käme der, sein Volk empor zuretten
Aus Pein und Not,
Ihm abzufeilen seiner alten Ketten
Lebendgen Tod:
O Gott, wie wollt ich dem getrost ergeben sein,
Wie sollt sein Völkerruf mich von mir selbst befrein.
Wie wollt ich ihm mit meinen Tränen netzen
Den staubgen Fuß,
Von Liedern einen Krank aufs Haupt ihm setzen
Als Rosengruß,
Dass er den Dornenkranz so bitter scharf nicht fühlt.
Doch ihr Verführer! Führer nicht zu nennen!
Ihr, herzensarm,
Am Höhnen, Lästern ihr so leicht zu kennen,
Dass Gott erbarm,
Ihr kalten Seelen, die nur erst der Streit erwärmt,
Ihr könnt nicht heilen, was die armen Brüder härmt.
Ihr wollt nicht trösten, bessern, nur empören
An jedem Tag,
Das wunde Herz nicht lindern, nur beschwören
Zu wildrem Schlag;
Ihr hasst der Brüder Glück, das eure Hand nicht gab,
Ihr grabt der mild und Freud ein giftgetränktes Grab.
Ach, soll denn nie mehr durch die Welt erschallen
Der Engel Sang?
"Frieden auf Erden, Menschen Wohlgefallen!"
O schönster Klang.
O kläng er jetzt herab aus dieser Sternennacht,
Die wie ein leuchtend Heer den Schlaf der Welt bewacht.
Die Sterne glühn, die hohen Christfestlieder
An Gottes Baum.
Tief schweigt der Wald, doch mir zur Seele spricht er.
Ich hörs wie Traum.
Ich träum und ahn und horch. Das fromme Herz wird still:
O Vater, walte du, wies dein Geheimnis will!
Adolf von Wilbrandt 1837 -
1911
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Gedichte:
1 bis
20 ,
21
bis 21

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