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Simeon und Anna
Sie hatten lange auf das Heil gehofft,
Die beiden Alten, Simeon und Anna,
Die eine Bitte beteten sie oft:
"Gib uns den Heiland, wie Du gabst das Manna!
Gib uns den Heiland; denn in Sünden liegt
Die Welt, vom Trug geblendet und gekettet,
Und mehr und mehr die Nacht das Licht besiegt,
Und keine Taube mit dem Ölzweig fliegt!
Gib uns den Heiland, der uns alle rettet!" -
Sie wurden alt, sie wurden nicht erhört;
Doch Tag für Tag stieg aus den heilgen Hallen
Des Tempels, wo kein Lärm die Frommen stört,
Ihr Flehn zu Gott, es möge Ihm gefallen,
Den Held zu schicken, der das Heil uns bringt,
Der alles Leid für diese Welt wird tragen,
Der siegreich in den Staub die Hölle zwingt,
Dem Erd und Himmel "Heilig! Heilig!" singt,
Und der zuletzt doch wird ans Kreuz geschlagen.
Die Zeit war ernst. Der Alten frommes Flehn
Blieb unerhört. Voll schmerzlicher Gedanken,
Das Aug voll Tränen, die nur Gott gesehn,
Das Herz voll Leid, das keiner kann verstehn,
Sie müden Fußes aus dem Tempel wanken.
Und wie sie stille gehn, die beiden Frommen,
Der Sehnsucht voll, doch fast des Hoffens bar,
In Demut Joseph und Maria kommen,
Und alle Blicke folgen diesem Paar,
Das arm zwar tritt zu dieses Tempels Stufen,
Auf das im Stolz der Pharisäer blickt,
Und das zu hohen Dingen doch berufen:
Denn von den Armen dieser Jungfrau nickt
Ein Kind, das lächelt froh in diese Welt,
Das streckt die Hände jung und alt entgegen,
Ein Sonnenstrahl aus seinen Augen fällt,
Ein Sonnenstrahl, so voll von reinem Segen,
Ein Sonnenstrahl, so voll von Glück und Glanz,
Ein Friedensblick voll Liebe und Vertrauen,
Als trüg es nie den blutgen Dornenkranz,
Als würd es nie die Schädelstätte schauen.
Und wie sies sehn, das Kind, da stockt der Fuß,
Da glänzt das Aug, da fühlen sie den Segen,
Da jubeln sie den ersten Freudengruß
Dem Gotteskind, dem schwachen Kind, entgegen.
Da schlägt das alte Herz so froh und warm,
Wies nicht mehr schlug seit langen, langen Jahren,
Da hält der Greis das Kind auf seinem Arm:
"Nun, Herr, nun will ich hin in Frieden fahren,
Das große Liebeswunder ist geschehn,
Du hast erhört mein jahrelanges Flehn,
Und der Erlöser ist zur Welt gekommen!
Hans Eschelbach 1868 - 1933
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