Das Wiegenlied der Mutter Gottes / Weihnachtsgedicht.de     
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Motiv: Religiöse Weihnachtsgedichte          





Das Wiegenlied der Mutter Gottes


Maria und Joseph,
Wie ziehn sie geschwinde
Durchs Wüstental
Mit dem göttlichen Kinde,
So bleiern die Wolken,
So glühend die Luft!
Und giftige Schwaden
In Höh’ und in Kluft!
Im glühheißen Sande
Mit silberner Welle
Auf Meilenweite
Nicht Bach noch Quelle!

Und durch die Dünste
So trüb und rot
Die Abendsonne
Wie winkender Tod!
Das Kindlein erwacht;
Die Lippen so trocken,
Mit Staub überrieselt
Die goldigen Locken!
So glutdurchzittert
Der Wüstenwind!
Da weint und wimmert
Das himmlische Kind.

Nun zieht an die Brust
Die Mutter den Kleinen
Und spielt und lächelt
Und stillt sein Weinen;
Und zart und leise
Die Luft durchzieht
Von ihren Lippen
Ein Wiegenlied.
Das klingt so süß
Wie Windesgeflüster,
Wie himmlische Sänge.

Das flutet so wonnig
Durch Tal und Kluft,
Da regt sich die starre,
Die trotzige Luft.
Das weinende Kind
Sie kühlend umfächelt,
Bis sanft und holdselig
Sein Aug’ wieder lächelt.
Die Sonne will lauschen
Der süßesten Frau,
Da stiebt auseinander
Der Wolken Grau.

Die giftigen Dünste
Entweichen geschwinde,
Und azurner Himmel
Nun lächelt dem Kinde.
Und darüber der Sonne
Stillfreundliches Gold
In rosigen fluten
Den Schleier entrollt.
Und tief unterm Sande,
Dem todesschwülen,
Da sitzt ein Quellchen
Gemächlich im Kühlen.

Doch wie die Klänge
Ihm treffen das Ohr,
Da bricht es im Sturme
Gewaltsam hervor.
Es möchte so gerne
Der Jungfrau zu Füßen
Mit silbernen Wellen
Die Reine grüßen
Und leis ihr berichten
Vom kühlen Grund,
Von schlummernden Blüten
Und Kieferlein bunt.

Am liebsten doch möchte’ es
Dem göttlichen Knaben
Die brennenden Lippen
In Ehrfurcht laben.
Und bei dem Quellchen
Im traulichen Heim
Von Blumen und Gräsern
Schläft manch ein Keim.
Dem kündet das Quellchen
Die Mär geschwinde
Von der herrlichen Frau
Und dem süßesten Kinde.

Da stürmt es nach oben
In raschem Lauf,
Da hebt sich im Sande
Manch Köpfchen auf,
Zum Teppich sich webend
Dem Fuß der Reinen,
Dass sanft sie ruhe
Mit ihrem Kleinen.
Und eine Palme
Steht dorr und kahl
Und blitzzerborsten
Im Abendstrahl.

Die hört die Klänge
So süß entschweben
Und fühlt vor Entzücken
Ihr Herz erbeben.
Die sonst nur lauschte
Der Stürme Groll,
Ihr wird so selig,
So hoffnungsvoll.
Die dorren Hafern
Durchzieht ein Sehnen
Schon fühlt sie’s mächtig
Sich heben und dehnen.

Schon schwillt es und treibt es
Am Stamme hervor,
Von Blättern und Blüten
Ein wallender Flor.
Und köstliche Früchte
Dazwischen schwanken,
Zur Erde sich neigend
An zitternden Ranken.
Sie bieten als Labung
Sich lieblich und lind
Der süßesten Mutter,
Dem süßesten Kind.

Und die Englein im Himmel
Sie steigen hernieder
Und singen der Jungfrau
Holdselige Lieder,
Und fächeln und jauchzen
Dem Kindelein.

Da lächelt der Kleine
Und schläft wieder ein.
Und leise singt es
Und klingt durch die Auen:
"Im reinen Schoße
Der himmlischen Frauen,
Du Kindlein, so sonnig,
So freudenvoll,
Wir haben Wache;
Schlaf wohl, schlaf wohl!"

Hedwig Dransfeld 1871 - 1925


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